Globalisierung. Aber was?

Aleksander Lodwich

Globalisierung ist ein zwiespältiger Begriff. Zunächst bedeutet er ganz neutral ein „sich in der Welt ausbreiten“ oder ein „auf der Kugel ausbreiten“ oder ein „zur Kugel werden“. Wenn Ihr Milchglas umkippt und sich die Milch zu den Rändern der Welt vorantastet, dann wird man Zeuge einer durch Gravitation verursachten Globalisierung.

Physiker haben bewiesen, dass Gravitation immer solche Kugeln ohne „Haare“ produziert (mit Haaren meinen sie spitze Berge, die von der Gravitation im epochalen Eilmarsch einplaniert werden). Im wahrsten Sinne des
Wortes ist die Gravitation also ein Global Player.


Spitzfindigere Definitionen wollen hinter der Globalisierung eine Vernetzung des Globus verstehen. Das ist schon ein ziemlich positives Verständnis, denn wenn sich mehr Menschen, Straßen oder Lichtfasern vernetzen, dann können komplexere Aufgaben bewältigt werden und es könnte, zumindest rein hypothetisch, ein Zustand größten Wohlstands und faszinierender
Glückseligkeit erreicht werden. Eine solche Globalisierung ist keine Frage von Nationalstaaten oder Armeen im Durchmarsch, sondern ein ganz natürlicher Prozess - und wir vom Frühling in Deutschland sind Spezialisten auf dem Gebiet der natürlichen Vorgänge ;)


Dieser Prozess beginnt mit jedem einzelnen von uns. Kaum sind wir auf der Welt geboren, da suchen wir förmlich nach dem Anderen. Wir vernetzen uns intensiv mit unseren Familien, wir suchen uns Freunde und Partner und flirten gelegentlich bis wir uns finden. Zusammen fühlen wir uns stärker! Und ja, es bedeutet auch immer Einschränkung und Rücksichtnahme und Kompromisse und manchmal muss man genau hinschauen und das Richtige explizit einfordern.


Doch das ist nicht das Gleiche wie Kontrolle oder Dominanz. Kontrollfreaks können nicht richtig „globalisieren“ und richtig gute Eltern oder Polizisten sind sie auch nicht. Trotz dieser Kosten ist es aber nie ein richtiger Verlust, denn wir finden mehr als wir zum Leben benötigen. Es reicht sogar, um uns weiterzuentwickeln. In den nächsten Stufen merken wir, dass es da noch viel
mehr Menschen gibt, mehr als wir je kennen könnten und man könnte mit ihnen noch viel mehr machen, wenn sie bloß nur so bisschen ähnlich wären wie wir. Und siehe da, von mir zu dir, von du zu wir, von wir zu ihr und von ihr zu alle führt einen der Weg direkt zum Universalismus, einer so starken und verführerischen Idee, dass sie sich wie ein umgekipptes Milchglas fast wie von alleine verbreitet. Nippen wir einen Tropfen daran, so sehen wir bald mit ganz anderen Augen.


Plötzlich sieht man die Gemeinsamkeiten und nicht die Unterschiede und statt Feinden sieht man überall nur Freunde und Partner. Eine solche Bedeutung von dem Wort „Globalisierung“ führt von der Familie zur Sippe, vom Dorf zur Stadt, von der Region zum Staat und weiter? Ach, das ist doch bloß utopische Spinnerei ... Globalisierung, das gab es noch nie!


Und dann gibt es die Bedeutung, nach der die Globalisierung eine Welt des Hungers, der Armut, des Frusts, der Kinderarbeit, des Lohndumpings, der Prostitution, der Vertreibung, des Mordes, des Verrats, des Kapitaldienstes, der Sklaverei mit finalem Selbstmord, der Kindersoldaten, der Wasserprivatiers, der Um-die-Welt-zum-Hunde-gassi-jetter, der Uranerzim-Urwald-Deponien, der Plastikozeane ohne Haifische, weil sie ja wegen ernährungstechnisch nicht nachweisbaren Vorteilen beim lebendigen Leibe die Flossen abgeschnitten bekommen, weil sie ja einen so guten Preis erzielen …


Moment, Moment! Puh, langsam, langsam. Man soll die Menschen nicht polarisieren, aber da ist einfach nur so viel los, zuviel vielleicht. Auf blinde Wut müssen wir jedoch nicht setzen, vielleicht hilft ein bisschen der Schrammsche Zorn um von der Couch sich zu lösen, aber es bewegt nichts so sehr, wie eine präzise Vision und ein Werkzeugkoffer, der genau die Werkzeuge enthält, die man zum bohren der dicksten Bretter benötigt. Es gibt immer was zu tun! Mit dem richtigen Schlüssel, Klemme und Band, mit dem richtigen Bohrer, Zollstock und Hammer, mit dem richtigen Schleifer, Hobel und Lötkolben, mit dem richtigen Werkzeug steht der tüchtige Handwerker souverän seinen Mann (oder Frau). Denn wir sind der Frühling in Deutschland und wir haben immer ein paar Asse im Ärmel. Immer konkret, immer zweckmäßig, immer den Menschen und seine reale Welt im Blick. Wir finden lediglich, dass die Globalisierung einfach etwas besser laufen könnte. Unser Blick in den Werkzeugkoffer: G3 bis G30 und etwas Sanktionen. Menschenskind, ist das dürftig! Damit würde jeder Meister das Handtuch werfen!


Was brauchen wir? Werkzeug. Richtiges Werkzeug, nicht dieses minderwertige G-etwas, W-etwas. Was soll es machen? Man bräuchte etwas, um die in der ganzen Welt verstreuten Napoleons in aspiratio mal zur Vernunft zu bringen. Sollen wir nun überall hingehen und fragen: „Hose runter! Was willst du? Dreißig Schläge mit dem Stock oder vernünftig werden?“ Na, so etwas lässt kein Mininapoleon auf sich sitzen, egal wo er sitzt. Der möchte lieber die Dreißig. So
kommen wir nicht weiter. Und warum sollen eigentlich wir diese Burschen zur Vernunft bringen?


Naja, weil die uns alle etwas verkaufen wollen. Deswegen schlagen sie und klauen sie und wenn es dunkel ist, dann machen die, was die wollen. Sie wollen es nicht irgendjemand anbieten, nein, nein! Den superindustrialisierten Volkswirtschaften wollen sie es verkaufen, die dummerweise auch noch Menschenrechte und Mitbestimmung haben wollen. Was der Kunde nicht weiß, das macht ihn nicht heiß. Dumm nur, dass wir dann die Zeche trotzdem bezahlen müssen. Warum dann nicht gleich richtig?


Nun haben die Unternehmen, Militär und Ämter in etwa das gleiche Problem: Ständig müssen sie mit einander kooperieren und außer einer bunten Broschüre bekommen sie häufig nichts. Der Kunde im Laden sieht die Ware verpackt oder im Kasten und wie der Unternehmer hat er nicht mehr Informationen als nur das Versprechen und den Preis. Was bleibt ihm übrig? Er
schaut nur nach dem günstigsten Preis. Ob dabei Hühner huhnunwürdig leben, und ob der Subkonktraktor die Ware je liefert? Egal, keine Information, kein Mitleid. Sie müssen sich an die eisernen Gesetze der Spieltheorie halten: Wenn du keine Informationen hast, dann musst du die defensivste Strategie wählen und die Kosten fern halten, sonst bist bald du es, der geschröpft wird. Vergingen gar nicht viele Tage, da wurde mit Messer in der Hand verhandelt,
das Leben, das kam ja bald zum erliegen und sein Rind im Burger, seine Geschichte möchte man nicht hören. So ein Umfeld, gar keine Frage, für jeden Napoleon in aspiratio eine Gabe. Hier können sich nämlich nur die „Besten“ durchsetzen, nur welche, die andere Menschen verletzen.


Die Folge ist, dass die ganze Welt, sich nun in einem Abwärtsstrudel wähnt. Statt zusammen Leben schiebt man den Schwarzen Peter vor sich her. Wer könnte ihn kriegen, diesen Herr? Die kleinen Napoleons, die fröhlich da jetten? Nein, von denen hat man ihn eben erhalten. Also sucht man weiter verzweifelt nach Wegen, durch Sisyphusarbeit oder Stehen im Regen.


Diese kleinen Geschichten liefen Tag und Nacht, bis überhaupt einer aufgewacht: Lasst bisschen mehr Informationen kommen, dann wird es uns allen wohl bekommen. Lasst uns Normen schaffen. Die einen Normen, die macht der Staat. Seine Beamten schauen zur Not ins fremde Haus. Aber das reicht nicht. Wir wollen Zertifikate sehen! Wir wollen nichts mehr, das ein Siegel nicht hat. Und so entstanden verschiedenste Normen, die ISO 9000, die DIN 26262,
die ITIL-Dienstleistungen, die Nummer auf dem Ei, wo die Null die beste Zahl geworden ist. Da erfanden Menschen noch mehr Zertifikate, Bio-Siegel, Schulzeugnisse, Urkunden, Zertifikate für dreckige Luft, Fairtrade-Siegel und vieles mehr. Und immer wenn jemand etwas genauer inspiziert hat, bescheinigte er bestimmte Güte und darauf baute die ganze Blüte. Natürlich,
natürlich, den Betrug gab es immer, aber funktioniert hat das Ganze? Na prima!


Wir klagen allerdings traurig drein da. Einzelne Initiativen, ja aber weiter? Und der Staat kann nicht in alle Häuser schauen und manchmal sitzen dort kleine Napoleons mit großen Ambitionen. Hier kommt die lustige frühlinghafte Idee: Wir bauen einen globalen Fairtrade, der seinen Namen verdient und mit keinen falschen Versprechen die Arbeit schönt. Nicht die Spirale nach unten, sondern die Spirale nach oben lasst uns beschreiten und den Napoleons eine Überraschung bereiten.


Die superindustriellen Länder, zur Not wir allein, müssen an der Grenze schauen, was wir lassen hinein. Alle Waren und Dienstleistungen, die von hier abgerechnet werden wollen, müssen beim Handel ein Siegel aufrollen. Diese Siegel, nur so als Spinnerei, könnten in verschiedenen Farben sein.


Grün, da wurde die Kette bis zur Primärquellen verifiziert. In allen Schritten wurde ein breites Spektrum an Qualitätsstandards eingehalten. Top, wer solche Ware oder Dienstleistung liefert, der ist bei uns willkommen! Das bricht keinen Vertrag, das ist OK. Keinen Zoll muss er zahlen und wir klopfen dem Lieferanten auf seine Schultern und äußern großes Lob.


Gelb, das wird zunächst natürlich häufiger vorkommen, so ganz nachvollziehbar ist die Sache nicht. Hier und da hat wieder der kleine Napoleon zugeschlagen. Mit Gemeinwohlökonomie hat die Produktion nicht zu viel zu tun. Das dulden wir noch aber er muss Zoll zahlen. Nun gerät der aufsteigende Napoleon, der gerade die Ware sehr günstig erstanden hat, in eine Zwickmühle, denn seine Ware ist leider auf dem Zielmarkt doch nicht so günstig wie er dachte. Es will keiner haben. Soll er nun stärker seine Soldaten hetzen, seine Untertanen unterdrücken, die Kinder länger arbeiten lassen oder ihre Mitbestimmung verweigern? Nun, er kann sich sein Zollgeld wiederbeschaffen, dazu muss er sich lediglich zu einem Innovationsprogramm aufraffen. Da denkt der Schelm böses, aber zertifiziert wird immer wieder – so wie der TÜV das macht, das
ist ein Kaliber, da richtet die Kalschnikov nichts aus. Also kalkuliert er zum ersten Mal in seinem Leben scharf und stellt Erwägungen an, die sind ihm zuwider. Er kriegt das Geld und muss was vorweisen, und in der Bilanz lässt sich auch etwas nachweisen. Und das Zeug ist ansteckend! Wie ISO 9000 oder die GPL. Er muss ja für ein grünes Siegel nun jetzt in der Kette in die andere Richtung schieben. Aber wo kriegt er dazu die Expertise? Was kann er tun, um dies oder jenes besser auf dem Alter der Zertifizierer darzubieten? Da können wir helfen, mit internationalen Konzeptteams, mit Leuten mit einer thematischen Ausbildung, die „best in class“ ist. Wie ein Lego-Baukasten, unsere Infrastruktur, daran nehmen die Napoleons ihre Kur. Und wer nicht willens ist zu rechnen, der kriegt die guten Roten. Aber rot ist nicht einfach nur ein Nein, es soll auch eine detaillierte Einladung sein: „Wenn hier und da und da und hier, dann trinkst du mit uns bald auf dem Volksfest Bier!“ (Uns ist natürlich klar, dass nicht alle Bier mögen).


Nun denkt sich ein jeder Napoleon: Wie ihr mir, so ich euch. Ich hebe nun die Standards von meiner Seite hoch. Und so ziehen sich die Standards weiter nach oben; wie du mir, so ich dir.


Die Welt wächst plötzlich wieder gemeinsam, die Welt ist eine Kugel und die Gravitation, die wird wohl ein Global Player bleiben.


Das war so schön, aber was ist damit, mit der Schwäche der anderen Staaten, die unter der Last der Schulden die Standards verweigern, die die Menschen verdienen und die Napoleons klein halten? Den guten Leuten helfen wir auch, dazu haben wir mehr frühlinghafte Ideen, aber hier präsentieren wir eine:


Handelszertifikate - eine Sprache die auch Napoleon verstehen würde.