Bildung. Mehr Bildungswissen.

Robert Schmidtke

Der 10. Mai 1933 war der Tag, an dem die öffentlich inszenierte Bücherverbrennung in Nazi-Deutschland ihren Höhepunkt fand. Nicht die NSDAP initiierte die „Aktion gegen den undeutschen Geist“, sondern die nsdap-nahe Deutsche Studentenschaft rief dazu auf und so wurden auf dem Berliner Opernplatz und in weiteren 21 Universitätsstätten Werke verfemter Autoren von Studenten und Professoren ins Feuer geworfen.

Heute, 80 Jahre später, stellt sich eine andere Frage. Wie steht es um unsere Bildung, damit der Gedanke an ein Verbrennen oder Zerstören von Kulturgütern nicht eine Wiederholung erfahren kann.


Werfen wir einen Blick auf unsere Lehrpläne. Sie sind voll mit notwendigem aber auch unnötigem Inhalt. Lehrer, Schüler und Eltern, Professoren und Studenten, ächzen unter der Last der angeblich alternativlosen Wissensvermittlung. Dabei ist längst bewiesen, dass wir Menschen das meiste in der Schule und auch im Studium Gelernte vergessen.


Warum aber machen wir dann immer so weiter und packen immer mehr hinein in unsere Lehrpläne. Damit wir fachlich so gut werden, um in der Arbeitswelt bestehen zu können?


Wie steht es aber mit der natürlichen Wissensvermittlung, also der nichtfachlichen und somit kulturell wichtigeren Disziplin, dem Bildungswissen?


Bildungswissen ist gekennzeichnet durch Lesen, Reden und Reisen. Dafür braucht es genug Zeit und Muße. Ein belasteter Kopf, der von ungesundem Stress und von Depression geplagt ist, kann Bildungswissen nicht aufnehmen geschweige denn ausbilden.


Die meisten jungen Menschen in unserer Gesellschaft haben sich längst von der Demokratie verabschiedet und bereiten sich lieber auf den Überlebenskampf in der Arbeitswelt vor. Sie gehen nicht mehr wählen, weil sie den Sinn darin nicht mehr erkennen. Wer fremdbestimmt sein Leben beginnen muss, interessiert sich nicht für politische Prozesse. Politik wird von oben gemacht und wer unten ist, also die Schüler, die Auszubildenden und Studenten, werden unten gehalten und mit vorgegebenen Lerninhalten davon abgehalten, einen eigenen Geist zu entwickeln, der beständig die aktuelle Ordnung (Unordnung) hinterfragt.


Gestern G9. Heute G8. Morgen G7?


Der Frühling spricht von Breitbandbildung und hier ist Bildungswissen deutlich höher zu werten, als alles fachspezifische, das man überall nachlesen kann. Denn was wir brauchen, sind Menschen, die generalistisch gebildet sind und sich so besser für die Demokratie qualifizieren können.


Was wir brauchen, sind unbequeme Lehrer und unbequeme Schüler.


Wir Menschen müssen aufstehen. Unsere Zukunft selbst besser machen. Anpassung haben wir genug. Sollen wir also unsere Lehrpläne verbrennen? Das wäre ein Beginn. Hermann Hesse wäre bestätigt:
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.